Produkttest: Kletterschuhe Rock Pillars Stream Velcro

Der Sommer ist vorbei. Das Gummi unserer Schuhe ist dünn geklettert. So mancher, nackter Zeh ragt durch das Vibram und friert in der kühlen Herbstluft. Es wird höchste Zeit mal wieder einen Blick auf neues Schuhwerk zu werfen und für die kühle Jahreszeit aufzurüsten. Nein, nein! Keine Moon-Boots. Es geht natürlich schon noch um Kletterschuhe.

Ich bin ja bekennend anti-loyal, was Kletterschuhe und die dazugehörigen Marken angeht. Wenige Parameter in der Formel für gutes Klettern hängen bei mir persönlich anscheinend an den Schuhen. Natürlich würde ich auch nicht sagen, dass ich „mit jedem kann“, aber weit davon entfernt bin ich eigentlich nicht.

Klar braucht jeder Schuh ein paar Dinge, damit ich „mit ihm kann“:

Ich mag enge Schuhe. Sie dürfen, zumindest für das Sportklettern, auch so eng sein, dass der Fuß mit verschiedenen, nicht immer angenehmen, körpereigenen Reizen reagiert – ihr kennt das sicher. Obacht: Eng ja, drücken nein. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen!

Ich mag steife Sohlen. Fluffige Gummistiefel mit der Festigkeit einer Taucherflosse kommt meiner Fußtechnik beim Stehen auf kleinen Leisten oder in Löchern nicht entgegen – vermutlich fehlt mir aber nur die nötige Fussspannung.

Ich mag spitze Schuhe. Entgegen meiner anatomischen Fußform (quadratisch), mag‘ ich gerne Schuhe, die vorne den „großen Onkel“ soweit vorquetschen, dass man prima in Einfinger-Löchern „toe-hooken“ kann – naja, oder so ähnlich. Also schön spitz vorne ist gefragt.

Ich mag Schuhe mit passformtoller Ferse. Da mir neulich mal jemand gesagt hat, dass man auch mit der Hacke oder Ferse klettern kann, hab‘ ich das auch gleich mal probiert. Sah‘ lustig aus. Da gib’s doch echt Schuhe, mit denen das geht und andere, die ist man mit dieser Art von Technik sofort los. Flupp!!

Mit diesen, ganz persönlichen Kriterien im Hinterkopf habe ich den „Stream Velcro“ von Rock Pillars getestet.

Irgendwer, ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern wer, hat mal die Prämisse aufgestellt, dass jeder NEUE Kletterschuh mindestens eine halbe Schuhgröße – besser eine ganze Nummer – kleiner gekauft werden sollte, als sein Vorgänger. Die wagemütige Theorie dahinter ist mir nicht mehr ganz geläufig, aber ich glaube, es hatte etwas mit „sich über Jahr entwickelnde Fußverkleinerungen bei Vielkletterern“ zu tun. Ich glaube zwar eher, es hat etwas mit antrainierter Schmerzresistenz zu tun, aber ich bin da ja Leihe.

Wie auch immer. Den Rock Pillars hab‘ ich auf jeden Fall 1/2 Nummer kleiner bestellt – ohne vorher zu probieren. Das war genau die richtige Entscheidung! Kriterium Nummer eins meiner obigen Liste war damit zu 150% übererfüllt. Aua!

Mein erster Versuch den Schuh anzuziehen, endete mit der Erkenntnis, dass ich sie eigentlich umtauschen müsste. Aber wir sind hier ja nicht beim Softball-Kegeln! Beim zweiten Versuch kam ich immerhin in den Schuh und konnte ein paar Schritte und Tritte wagen. Kurz vor der Ohnmacht konnte ich mich gerade noch rechtzeitig wieder vom Schuh befreien. Weitere Versuche folgten. Kurze Zeit später ertappte ich mich beim Bouldern, die Schuhe immernoch an den Füßen, einen Boulder nach dem anderen machend. Na geht doch!

Fazit zur Passform:
Der Stream Velcro scheint etwas kleiner auszufallen als z.B. mein Scarpa Feroce oder meine 5.10. Er weitet sich leicht – ganz leicht und hat eine Tendenz bei höheren Füßen und aufgestellten Zehen vorne-oben etwas zu drücken. In meiner Größe ist er sau-eng, mit allen Konsequenzen, aber nicht auffällig unangenehm.

Die nächsten Kriterien, spitz und fest, erfüllt der Stream Velcro weitesgehend. Er hat nicht die „Hakennase“ anderer Leisten, aber trotzdem eine deutlich ausgeprägte Spitze. Zusammen mit der engen Passform bringt der Schuh eine erstaunliche Präzision beim Stehen und Antreten auf „kleinem Zeugs“ zusammen. Daumen hoch! Der Wandkletterer wird’s lieben. Durch die nur moderate Vorspannung des Schuh’s ist er jetzt aber kein Wunderleisten für steilste Dachkletterei. Die Sohle ist fest und wird in Reibungskletterei keinen Wanderpokal gewinnen, aber wie gesagt, auf Leisten und in Löcher rekordverdächtig!

Und dann wäre da noch die Ferse. So ganz unscheinbar kommt sie daher. Ohne Kantenspoiler oder mit tiefergelegtem Super-Duppa-Gummi-Hook-Stabilizer. Einfach eine verstärkte Ferse eben. Aber sitzen tut die wie ne Eins! Der geneigte Leser und Kenner wird schaftsinnig kombinieren: „Naja, bei der Größe?!“ Richtig, durch den engen Schuh sitzt die Ferse naturgemäß auch eng, aber vorsicht! Ich kenne auch andere Schuhe, die einem, ob der tollen „Passform“ die Tränen in die Augen treiben und die Zehen blau anlaufen, sich aber nach dem ersten Hook schneller und ungewollt vom Fuß lösen, als ein Gummistiefel von Bigfoot.

Ob ein Kletternschuh wirklich richtig paßt, sehe ich eigentlich erst, wenn auch die Ferse im Schuh bequem (soweit man im Zusammenhang hier von „bequem“ sprechen kann) und fest sitzt – ohne übermäßiges Potential für Blasenbildung. Und das tut sie!

Abschließend ein Blick auf die Verarbeitung. Die extralangen Velcros machen einen stabilen Eindruck, halten gut und bieten keinen wirklichen Grund für Kritik. Vielleicht sind sie sogar etwas zu lang geraten. Der Schuh ist sauber verklebt und weist auch innen keine unangenehmen Nähe oder Druckstellen auf. Wie sich der Schuh im Dauer- und Verschleißtest verhält, bleibt abzuwarten.

Unterm Strich ein feiner Schuh.

Kein ultra-performance Schuh für den Wettkampfprofi, aber ein anfängertauglicher Schuh, bei dem sich auch der fortgeschrittene Kletterer nicht von der engen Passform abschrecken lassen darf. Wenn man sich auf den Schuh einlässt, belohnt er als ausgesprochen präzises Werkzeug beim Stehen und Treten auch auf „einem Hauch von Nichts“.

Achja, und eines war da noch: Der Preis! Macht Euch selber ein Bild vom Preisgefüge bei Kletterschuhen. Eines ist sicher: Der „Stream Velcro“ von Rock Pillars ist ganz, ganz vorn dabei, wenn es um das Preis-Leistungs-Verhältnis geht!

So! Schuh‘ aus!

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