Siebzehn+drei Stunden Sandstein

Während ich so an das vergangene Wochenende mit Peter im Elbsandsteingebirge zurückdenke, um hier für den Blog und für mein alzheimeronsonsighttrainiertes Hirn die Eindrücke zu digitalisieren, stelle ich beim Rekonstruieren des Samstags fest, dass wir in siebzehn Stunden etwa soviel erlebt und gemacht haben, dass ich eigentlich sowas sonst nur in mehreren, ganzen Tagen schaffe würde. Warum aber so am Samstag?

Ich würde sagen „Ersatzbefriedigung“ zweier extrem süchtigen Sandsteinjunkies, denen die so nötige Adrenalininjektion per Felsnadeln und abgebundener Knotenschlinge wegen eines kolabierten „Dresdner L’s“ (meteorologische Bezeichnung für lokal auftretene Regenwolkenformation) zunächst verwehrt bleiben sollte. Doch eines nach dem anderen.

Zunächst die „plusdrei“ Stunden:

Diese verbrachten wir nämlich tropfend und schwitzend am Freitagabend zuerst in der Hocksteinschenke, um uns auf den anstehenden Flüssigkeitsverlust vorzubereiten und danach an und auf zwei Türmen an der Bastei.

Das Wetter war etwa so, wie die vergangenen Tage in ganz Deutschland. Nur eben noch etwas heißer, wie es sich für eine unterste, rechte Ecke im Lande gehört. Mir drückte schon beim ersten Gedanken an Kletterbewegungen (ohne Chalk), an exponierten, sächsischen Türmen der Schweiß derart aus den Poren der Finger, dass er Tropfen produzierte, wie an meinem kühlen Bierglas vor mir.

Später, beim ersten Anblick des Jahrhundertturmes an der Bastei, den Peter anscheinend für mich als psycho-warmup Weg vorgesehen hatte (verbunden und natürlich offiziell begründet mit der grandiosen Aussicht), entspannte sich die innere Lage zunächst. Ha! So ein kleines Türm’schen. Nochmal Glück gehabt, dachte ich, denn der Turm bemaß von der Basteibrücke aus gesehen wohl gerade mal 12 Meter. Doch dann wurde die Linie des alten Weges erklärt: Kurz da links den Schulterriss zwei Meter absteigen und links rum um den Turm queren bis zum Ring an der Talseite. Während Peter munter pfeifend behände im Riss und um die Ecke verschwand, nicht vergessend zu erwähnen, dass man in der Querung leider keine Schlinge legen kann, malte ich mir beim Sichern vor meinem inneren Auge aus, wie wohl mein Flugwinkel als Nachsteiger aussehen würde, wenn mich der Riss ausspuckt und ich mich, hoffentlich elegant vor den Zuschauern auf der Basteibrücke, in einer 200° Pendel-Schleuderbewegung auf dem Weg um die Turmecke herum zu Peter und dem Ring machen würde. Ein Bild, welches mir wieder einfallen sollte, als ich, natürlich streng frontal, den Riss möglichst ignorierend, unter den fachlich fragwürdigen Kommentaren der Basteibrückenzuschauer, Anlauf zu dieser Pendelschleuderquerung nahm. Natürlich ist nix passiert. Etwas klettern kann der Finn ja doch…

Am Ring war ich dann zunächst kurz mit der Tatsache beschäftigt, dass das kleine Jahrhunderttürmchen auf einmal zu einem ausgewachsen Felsenturm mutiert war. Die 60 Meter hohe Talseite so weit oben über der Elbe zwang mit ihrer Exposition meinen Blick das eine oder andere Mal den großen, braunen Metallring, dem wir da gerade unsere beiden Leben anvertrauten, kritisch zu beäugen. Der Rest der oben erwähnten drei Stunden ist schnell erzählt. Der kurzen, zweiten Länge auf den Gipfel des Jahrhundertturmes folgte nach ausgiebigem Aufsaugen der Umgebung noch ein zweiter Turm, das Neurathener Felsentor. Wir genießen den Formenreichtum des Sandsteins.

Bereits in Halbdunkel stolperten wir später zurück zum Auto, nicht unglücklich über die Tatsache, dass dieses doch noch nicht abgeschleppt war und es uns bereitwillig zurück zur Hocksteinschenke beförderte. Noch bei Bauernfrühstück und Flüssignahrung wurden die Pläne für den kommenden Samstag konkretisiert. Nicht ohne das Orakel in Form von Regenradar auf mitgebrachter Taschentechnik zu befragen. Dieses verkündete Regen und Gewitter am kommenden Vormittag, was unseren Plan einen legalen, alpinen Frühstart hinzulegen Nachdruck verlieh.

Da die nun folgende 17 Stunden des Samstages so vollgepackt mit Erlebten war, erlaube mich mir ab hier eine etwas kompaktere Formulierungs- und Sprachform zu verwenden.

Wecker 6.00. Peter springt auf. Ich frage mich, warum die Nacht schon wieder vorbei ist. Wettercheck, Dusche und Kaffee in gefühlt einer Bewegung. Auto 6:40. Regentropfen um 6:42 werden als hohe Luftfeuchtigkeit gedeutet. 7:30 am Einstieg am Türkenkopf. 7:33 angeseilt. 7:34 wieder Regentropfen. 7:35 viele Regentropfen. 7:38 Donner. 7:45 zwei Männer rennen durch den Wald von Rathen Richtung Dorf. Ab 7:50 klitschnass unterm Dach bei der Feuerwehr das Gewitter aussitzen. 7:55 der Blitz schlägt (vermutlich) im Türkenkopf ein. Boooom! Peter pfeift betont locker eine Melodie und kombiniert scharfsinnig, dass das vor unseren Füßen überlaufende Wasser aus der Regenrinne auch als Blitzableiter funktionieren müßte. Zuviel Information.

Tisa FelsenstadtKurz nach 8:30 wieder im Auto. Umschwenken auf Alternativprogramm, Ersatzbefriedigung. Gegen 9:30 Cappuccino im Kletterladen von Tisa in Tschechien. Danach fast 2 Stunden die Felsen der Felsenstadt von Tisa bewandert und bewundert. Hier und da mal ein paar Kletterzüge. Der Entzug ist erträglich. Weiterfahrt nach Ostrov. Mehr Felsen. Nasse Felsen. Ab 11:30 Frustbekämpfung mit tschechischen Knödeln, geniessbar in Kombination mit (viel) Bier. Danach Besuch bei Victor und Andrea. Kaffee mit Schaum. Lecker, hilft aber auch nicht beim Trocken der Felsen und gegen das Zittern. Pläne werden geteilt. Klettern vielleicht am Abend? Rückfahrt nach Deutschland. Abstecher zum Gohrischstein. Aufstieg und Wanderung durch die Steine in der Sonne. Gewitter zieht auf, schenkt aber ein unverhofftes Stück Kuchen. Sehr nett! Abstieg bereits bei leichtem Regen. Hoffung auf trocken Fels schwindet. 15:30 wieder im Basislager. Sonne und Wind. 16:00 immernoch. Sollte es doch… doch wo? Es muss trocken sein! Westkante Lilienstein. In der Sonne, bester, harter Fels, exponiert direkt im Wind. Trocken? 16:30 Beschluß, Aufbruch! Finden es wir raus.

Kurz vor 17 Uhr am Einstieg. Der Fels ist furztrocken. Kurz nach 17 Uhr erste SL. Querung. Zwote SL, mehr Querung. Am Ring der exponierten Nase rauscht der Wind in unseren Ohren. Die Sonne streichelt den Rücken. Wir grinsen. Dritte SL senkrecht hoch, dann Reibungskante. Ich höre Peter leise jubeln. Dankend dass wir da sind im Hier. Ich klettere in Zeitlupe. Genießen! Am Ring gib’s ein Wandbuch und einen atemberaubenden Ausblick. Wir feiern. Vierte SL führt in eine lange, ansteigende Querung. Genuß pur, wenn man queren mag. Die letzte Länge will uns nochmal testen. Kurz, steile Reibung zu Ring, dann zweiloch-vier Finger Stelle. Überraschend schwer. Ausstieg und Gipfel. Wir feiern und danken. Der Lohn des Tages.

Abseilen. „Locals“ mit Peters Buch glücklich gemacht durch unkonventionelle Übergabe. Motto: Hier Autoschlüssel, Geld da, leg Buch einfach rein. Schlüssel an geheimen Ort deponiert. Toll. Kletterervertrauen. Danach Sturzbier in der Hockstein. Wir freuen uns beim Blick aufs Regenradar. Wetterfenster optimal genutzt. Man sind wir gut – und „lucky“. Abends noch lecker Essen. Gegen 23:00 Uhr wieder im Basislager. What a day!!!

Am Sonntag Regen. Wir bewegen uns. In Löbejün ist es trocken und wir machen einen kurzen Abstecher. Irgendwie zu voll da. Zuwenig Sandstein und zuviel Sonne. Uns kann man es nie recht machen. Doch, gestern war gut. Wir klettern 4 Wege im Schatten ohne Chalk und zischen wieder ab. Freuen uns.

Irgendwie ein total geniales Wochenende, obwohl man eigentlich erzählen müßte, dass es bis auf Freitag praktisch die ganze Zeit geregnet hatte und wir im Sandstein waren. Timing ist halt alles. 😉

Eines ist natürlich total blöd: Leider muß ich am Freitag für drei Wochen zum Klettern und Urlaub nach Norwegen (wirklich bedauernswert), denn sonst hätte ich Peter gefragt: Nochmal ins Elbi?

Querung aus!

4 Gedanken zu „Siebzehn+drei Stunden Sandstein&8220;

  1. Oben einzusehender Bericht entspricht weitestgehend den Tatsachen. Ähnlickeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Ereignissen sind wunderbar beschrieben! Danke Finn!

  2. Hi,
    ich war auch vergangenes WE im Elbi und wollte mit 2 Münchnern an den Falkenstein..sind extra 6 Uhr aufgestanden um dann 7Uhr bei Regen an den Fels zu kommen. So ein mist 🙁

    Waren dann am Lamm und im Bielathal um am Sonntag bei Regen nach Hause zu fahren. Aber wir kommen wieder 🙂

  3. War aber auch echt Pech an dem Wochenende. Zumindest am Samsatag war es nur im Elbi schlecht. Naja, und Sonntag war eh zum Vergessen. Nächstes Mal wird’s besser! 🙂

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